Rezension: Worauf wir hoffen (Fatima Farheen Mirza)

Fatima Farheen Mirza - Worauf wir hoffen
(Copyright Cover: dtv Verlag / Copyright Foto: Das Bambusblatt)

Der Literaturroman „Worauf wir hoffen“, von Fatima Farheen Mirza, der am 28.02.2019 im dtv Verlag erschienen ist, befasst sich mit dem Leben unter religiösen Regeln in einer muslimischen Familie und den Problemen, die sich dadurch für die Familienmitglieder ergeben.
 
Hadia, ältestes Kind ihrer beiden Eltern Rafik und Laila, ist die typische Tochter eines muslimischen Ehepaares. Sie wurde zum Glauben hin erzogen. Sie wurde erzogen, die Regeln im Haus genauso zu achten wie ihre Eltern. Abstand zu Jungen zu halten, zu beten, ihrem Gott hörig und immerzu hilfsbereit zu sein.
Und Hadia hält sich daran, denn sie will eine brave Tochter sein und auch die Anerkennung ihres Vaters verdienen. Das kluge Mädchen legt sich mit jeder ihrer Handlungen ins Zeug, kämpft und arbeitet fleißig und macht immer weiter.
Huda, ihre jüngere Schwester, ist ähnlich angehaucht, wenn auch frecher. Ihre eigene Meinung ist ihr wichtig und sie nutzt gern den richtigen Kommentar zur rechten Zeit, um ihre Eltern oder ihre Schwester auf eine Spur zu bringen, von der sie sich lieber hätten fernhalten sollen.
Nur ihr gemeinsamer kleiner Bruder Amir tanzt aus der Reihe. Er hinterfragt, er hat keine Bindung zu seinem Vater. Und je älter er wird, umso mehr rebelliert er. Gegen die strikten Regeln seines Glaubens, gegen seinen Vater, gegen seinen Gott. Der herzensgute Junge rebelliert, gilt in der islamischen Gemeinde als Schande. Er verliebt sich und verirrt sich auf diesem Weg.
Mit jeder Handlung in der Familie treiben sich die Familienmitglieder gegenseitig weiter auseinander, treffen Fehlentscheidungen. Und müssen schließlich einen Bruch akzeptieren, der den Eltern den Sohn entreißt.
 
Der Schreibstil ist meistens flüssig zu lesen.
Eingeteilt ist das Buch in verschiedene Teile. Diese sind in Kapitel und Absätze unterteilt. Zwischen manchen zeigt ein Sternchen den Wechsel an, zwischen manchen nicht.
Die Absätze sind leider nicht chronologisch gehalten, wodurch die Autorin zwar einen Abschnitt andeuten und erst später aufklären konnte, was am Anfang jedoch relativ verwirrend war und auch zwischendurch noch für Missverständnisse sorgte.
Auch ist mir aufgefallen, dass es oftmals recht wenige direkte wörtliche Rede gibt, sondern eher indirekte Rede. Nur, damit sich dieser Zustand an anderen Stellen wieder komplett ändert und eine Seite mit wörtlicher Rede gezeigt wird. Wobei die Autorin oftmals vergaß, zu sagen, wer genau was sagt. Auch dies war manchmal anstrengend. Ebenso, wie die ganzen eingeschobenen Begriffe. Viele hat sie erklärt, oft war mir ohne eine Suche allerdings nicht klar, wovon sie genau sprach, wie jenes Kleidungsstück aussieht oder welches Fest jenes und welches war. Allgemein sehe ich das alles andere als negativ, denn ich habe dieses Buch gelesen, um mich mit der Kultur ein wenig auseinanderzusetzen. Und das war auch wirklich ein spannender Ausflug!
Aber gerade am Anfang waren es zu viele Begriffe auf einmal, die nicht erklärt worden sind.
Ansonsten war die Sprache allerdings sehr gut. Auch war es schön, hier und da Begriffe auf Urdu zu lernen oder zumindest zu sehen, wie sie im europäischen Raum geschrieben werden.
Auch die Schlüssigkeit war gut. Sprache und Handlung griffen ineinander.
Es war eine nette Abwechslung, eine Geschichte aus dem Leben zu lesen, und keine Heldengeschichte, egal ob Fantasy oder in einem in der realen Welt spielenden Buch. Es ging lediglich um eine Familie, die sich mit ihrem Glauben in einer Gemeinde, in den USA und untereinander eingliedern muss.
Hierbei muss ich zugeben, dass der Anfang sich für mich sehr zog und ich absolut kein Freund davon war, dass das Buch nicht chronologisch geschrieben worden war. Auch der Anfang, die erste Szene mit Hadias Hochzeit, war mir zu schnell runter geschrieben.
Als es bis ungefähr Seite 150 für mich nur mäßig besser wurde, hätte das Buch meine Leselust beinahe mit allem erstickt.
Die Figuren waren für mich meistens sehr unsympathisch gehalten. Der Vater, mit seinen strengen Regeln und der Hitzköpfigkeit, die Mutter, die am Anfang nie augenscheinlich für ihre Kinder eintritt, Hadia, die immer nur glänzen will und wenig wie im Klappentext beschrieben erscheint, Huda, die ihrem Bruder anscheinend mit den falschen Kommentaren gerne Ärger bereiten wollte, und Amir, der sich nicht benehmen kann, haben mich kaum in ihre Welt gelassen.
Dann wurde es besser. Ich gewöhnte mich daran, dass es nicht chronologisch geschrieben worden war und die Charaktere wechselten. Manche wurden mehr beleuchtet, manche Handlungen bekamen die Sicht einer anderen Figur geschenkt und wurden nahbarer.
Am Anfang war mir eher Hadia sympathisch, doch je weiter die Geschichte sich entwickelte, umso mehr Sympathie und Mitleid hatte ich mit Amir.
Zum Schluss gab es eine Sicht, die mir viel bedeutete. Zum ersten Mal sah man die Gedanken von Rafik, dem Familienvater. Er geht noch einmal die Ereignisse durch und fügt seine eigene Sicht an. Und hin und wieder hat es mich beinahe zu Tränen gerührt, mit welchen Gefühlen er umgehen musste. Einzig ein wenig langgezogen war sein Ende. Ich hätte mir gewünscht, dass er weniger sein Bedauern wiederholen würde, als dass die Autorin ein knackigeres Ende hinzugefügt hätte.
Oft wusste ich bereits beim Lesen nicht, wie genau ich diese Rezension schreiben sollte. Ich wusste nicht, was ich von diesem Buch hielt. Teils konnte ich lange an einem Stück lesen, teils waren mir die Charaktere zu anstrengend.
Auch wusste ich nicht, wie ich auf das wichtige Thema der Religion eingehen soll. Mein Hauptziel mit dem Lesen dieses Buches war, mich weiter mit anderen Kulturen zu befassen, gerade, nachdem ich einen Freund habe, der selber wegen seiner Familie dem muslimischen Glauben angehört, selber aber nicht so konform damit zu gehen scheint.
Demnach habe ich die strengen Regeln erwartet, genauso wie die häufigen Erwähnungen von Gott und den Religionsregeln. Und ich ging vorher schon davon aus, mich dennoch mit vielem nicht identifizieren zu können.
Allgemein muss meiner Meinung nach jeder Mensch den Glauben für sich selbst finden und auch, wie er diesen ausleben will. Und ich denke, das ist letztendlich die wichtigste Aussage des Buches. Auch, wenn ich mit vielem nicht übereinstimmen konnte – man kann Freunde auf dieser Welt haben und man kann seine Kinder ohne Schläge erziehen und sollte dies auch tun! – so fühlte ich mich gerade am Ende mit den Charakteren verbunden.

Mein Fazit

Es war für mich ein Buch mit einem Auf und Ab beim Lesevergnügen.
Ich hätte mir sehr gewünscht, dass es chronologisch geschrieben worden wäre, auch wenn ich die Intention dahinter verstehe und der Effekt teilweise mehr als gelungen war. Doch es verwirrte auch an zu vielen Stellen.
Auch gibt die Inhaltsangabe nicht ganz wieder, was man von diesem Buch erwarten kann. Denn es geht weniger um Hadia, die ihren eigenen Weg geht, als um die Beziehung der Familie untereinander und wie ein Vater immer weiter von seinem Sohn abrückt. Indirekt wird dabei immer wieder die Frage aufgeworfen: Was ist Glaube und was ist ein guter Mensch?
Und was das betrifft, kann ich das Buch empfehlen. Vielleicht hat es mir weniger die Augen für den Islam selbst geöffnet, als für die Akzeptanz von Kulturen, auch der seiner eigenen Familie. Denn Intoleranz kann mehr zerstören, als man meinen mag. Dabei geht es nicht immer nur um Rassismus und Angriffe auf bestimmte Menschengruppen. Was sicherlich ein großes und wichtiges Thema ist, das möchte ich nicht unter den Tisch kehren.
Aber Toleranz fängt immer bei sich selbst an.
Sarah Jessica Parker lässt einen mit einem Zitat auf der Buchrückseite wissen, dass man ein anderer sei, wenn man das Buch letztlich zuschlägt. Und ich denke, auf gewisse Weise hat sie damit Recht.
So oder so wird einem mit jeder Seite auf jeden Fall bewusst, dass die Autorin sehr mit diesem Thema im Einklang ist.

Geschrieben von: Judith

Linksektion

Verlagsseite des Buches
„Worauf wir hoffen“ bei Thalia*

1 Kommentar zu „Rezension: Worauf wir hoffen (Fatima Farheen Mirza)“

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