Interviewrunde 2: Rafaela Creydt – Autorin

Der letzte Winter der ersten Stadt von Rafaela Creydt
(Copyright: Verlag In Farbe und Bunt)

Willkommen in der zweiten Runde der Interviews. Dieses Mal haben wir die Fragebögen je nach Tätigungsfeld umgestellt. Wenn Du Inspiration beim Ausfüllen brauchst, so stehen Dir eine Menge Autoreninterviews auf dem Blog zur Verfügung.
Behalte im Kopf: Das hier ist Dein Interview und Du darfst jeder Zeit Fragen auslassen!
Was Du allerdings nicht darfst – und da gab es in der letzten Runde teilweise wirklich Probleme mit:

  • Fragen auslassen ist in Ordnung, aber bitte lösche sie nicht aus dem Dokument, sondern lass sie stehen.
  • Verändere nichts an der Formatierung. Also was kursiv ist, bleibt kursiv, was dick ist, bleibt dick etc.
  • Verändere nicht die Reihenfolge der Fragen und bitte sieh möglichst davon ab, Fragen miteinander zu kombinieren!
  • Bitte schick das Interview als .doc oder notfalls als .docx (oder Papyrus) Format ein und nicht als zum Beispiel Apple Format.
  • Schick uns gerne noch Fotos von Dir oder Deinen Werken dazu. Links ebenso (diese speisen wir dann vernünftig mit ein). Bitte gib uns die Copyright-Angaben dazu.
  • Lies es am besten Korrektur, wir werden es nämlich nicht machen 🙂
  1. Fangen wir klassisch an. Möchtest Du uns etwas – oder auch viel – über Dich verraten? Wieso schreibst Du? Welche war Deine erste Geschichte? Wie sieht es mit Deinem Alltag aus? Familie, Job, Heimat, Haustiere? Was auch immer Du uns wissen lassen möchtest! Dieser Punkt gibt Dir die Freiheit, über Dich selbst zu erzählen. Immerhin bist Du der interessanteste Charakter in Deiner ganz eigenen Geschichte.

Hallo!
Meine erste Geschichte war eine Star Wars Fanfiction, die eine damals klaffende Lücke im Kanon schloss. Ich war elf und schickte sie an das Journal of the Whills, das damals noch Fanfiction veröffentlichte (wir befinden vor langer Zeit in einer Galaxis vor Verbreitung des Internets, und der Prequel-Trilogie). Sie schickten mir eine freundliche Absage und kurz darauf schrieb ich meinen ersten Roman.
(Inzwischen ist die Kanon-Lücke mindestens zweimal offiziell geschlossen worden.)
Die Fanfiction habe ich noch vor Aufkommen des Archive of Our Own und sogar den Vorgänger-Plattformen hinter mir gelassen (vielleicht, weil es sie damals noch nicht gab?), und schreibe seitdem stur und langsam vor mich hin.
Nebenbei habe ich Abi gemacht, ein paar Studiengänge ausprobiert, als Kostümdesignerin gearbeitet, ein bisschen Cosplay betrieben und bin schließlich Landschaftsarchitektin geworden. Was auch nichts anderes ist als Weltenerbauerin, wenn man dem Synonymwörterbuch eine Chance gibt.

  1. Was hast Du bereits veröffentlicht? Wo kann man etwas von Dir finden? Verlag, Selbstverlag, gemischt, alles kostenfrei auf Deiner Website? Oder doch auf Seiten wie Fanfiktion?

Bei In Farbe und Bunt sind zwei Low Fantasy Romane von mir erschienen: „Die Stadt am Kreuz“ und „Der letzte Winter der ersten Stadt“, die beide in der gleichen Welt spielen, aber nur lose verbunden sind.
Ansonsten habe ich einige Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien oder Magazinen veröffentlich. Im Juli 2020 zum Beispiel „Was der Krieg frisst“ im hervorragenden Queer*welten Magazin (Ausgabe No.2) aus dem Ach Je Verlag. Und gerade sollte „Nachtmeer – Dunkle Folklore“ eine Benefizanthologie mit meiner Space Fantasy Kurzgeschichte „Die Umlaufbahnen der Skan“ frisch erschienen sein.

  1. Gibt es Mitautoren? Stell sie ruhig vor! Haben sie auch etwas einzeln veröffentlicht? Du darfst gerne etwas Werbung machen! Wenn nicht, kannst Du es Dir vorstellen oder hattest einmal welche?

Schreibspiele haben mir früher viel Spaß gemacht und ich habe schon Figuren aus Gruppen-Fanfictions weiter verarbeitet. Außerdem gibt es Geschichten, die auf Erfahrungen im Live-Rollenspiel basieren.
Meine Projekte bespreche ich gern mit engen Freunden und Beta-Lesern, aber das eigentliche Schreiben passiert allein. (Ich kann ziemlich stur sein, wenn es um meine Texte geht.)
Vielleicht gibt es in Zukunft mal eine Gemeinschaftsproduktion. Ich wüsste zumindest, mit wem ich gern mal schreiben würde.

  1. Kennst Du den NaNo? Wenn ja, wie machst Du dort mit? Welche Erfolge hattest Du bereits? Oder siehst Du nur gerne zu, wie wir anderen Autoren uns im Schlamm wälzen? Hast Du noch nie davon gehört?

Ich kenne den Nano und bin ziemlich beeindruckt von allen, die dort mitmachen und gewinnen. Ich schreibe viel langsamer. Also. Viel langsamer. Aber manchmal mache ich mit, weil ich die Atmosphäre so genieße. Meine Schreibbuddies wissen, dass ich niemals die 50K knacken werden, aber ich darf fröhlich hinterherschnecken und die anderen anfeuern.

  1. Bist Du in einem Schreibforum aktiv? Warst Du es? Oder hältst Du nichts davon?

    Mein virtuelles Wohnzimmer ist seit mehr als zehn Jahren der Tintenzirkel. Kann ich jedem empfehlen. Es ist das höflichste, freundlichste, liebste Forum, dass mir je begegnet ist. Neben der Community ist für mich der größte Pluspunkt, dass dort keine öffentliche Textkritik betrieben wird. Als jemand, der lieber Ideen und Konzepte diskutiert, statt Stilmittel und Grammatik, bin ich dort genau richtig.
  1. Welche Art Schreiber bist Du? Plotter? Pantser? Plantser? Oder doch eher etwas anderes?

Ich denke, als Landschaftsarchitektin habe ich tatsächlich die perfekte Analogie für mein Schreiben direkt vor der Nase. Am Anfang einer neuen Geschichte habe ich ein Gefühl, eine Figur, eine Welt, irgendwas, das mich fesselt. Das ist der Ausgangspunkt. Zum Beispiel ein verwildertes Grundstück. Dann setze ich mich hin und entwerfe. Wie kann ich das, was mich so fesselt, am besten in Szene setzen? Worum geht es hier eigentlich? Ich kenne das Thema, die Entwicklung, die Konflikte, die Figuren und ihre Entwicklungspotentiale, den groben Plot und das Ende, bevor ich den ersten Satz schreibe. Ich weiß, was für eine Geschichte ich erzählen will. Das ist der Architekt – der Plotter.
Aber dann fangen Geschichte und Figuren beim Tippen an zu wuchern und sich zu entwickeln, schieben Ranken in unerwartete Richtungen … Der Garten wächst.
Plötzlich sind vielleicht Anpassungen am Entwurf nötig, damit das Konzept weiterhin funktioniert. Vielleicht muss auch das ganze Konzept geändert werden, weil sich eine Qualität entwickelt hat, die ich so vorher nicht erwartet habe.
Zum Schluss wird dann alles rigoros in Form gebracht, zurückgeschnitten, umgetopft, Lücken aufgefüllt.
Eine Mischung aus Plotter und Pantster also, aber am Ende muss da eine Geschichte stehen, die erkennen lässt, was sie ist und sein will.

  1. Gehörst Du zu den Schreibern, die alles in einem Dokument runter rattern und dann korrigieren oder zu denen, die für jedes Kapitel ein eigenes Dokument haben? Oder wie machst Du das?

Meistens habe ich ein Word-Dokument mit dem gesamten Text und ein zweites mit Glossar, in dem alle wichtigen Fakten notiert werden, sobald sie im Gesamttext auftauchen. Dazu gibt es gerne noch Stichpunktübersichten zum Plot oder Teilstücken des Plots. Das aktuelle Romanprojekt hängt eigentlich immer in Form von Post-Its an meiner Wohnzimmertür.
Und dann schreibe ich eben. Fange auf Seite eins an und höre ein paar hundert Seiten später auf. Das ist die goldene Theorie. Aber häufig fällt mir auf Seite zweihundertdreizehn auf, dass für Figur X eine andere oder erweiterte Motivation viel besser wäre. Oder dass die Stadt dringend noch folgende Institutionen braucht, an denen die Figuren schon mindestens siebzehn Mal vorbeigelaufen sein sollten. Dann ringe ich kurz mit mir, ob ich wieder an den Anfang springe und alles schon mal einarbeite oder es mir bis zum Ende merke.

  1. Welche Freizeitaktivitäten hast Du, die Dir beim Schreiben helfen? Zum Beispiel Bogenschießen oder Reiten.

Alles hilft beim Schreiben. Stille genauso wie neue Erfahrungen. Ich interessiere mich für ziemlich viel in Richtung Geschichte, was immer gut ist, wenn man wissen will, wie Menschen in verschiedenen Situationen reagieren und Gesellschaften funktionieren und sich ändern (können). Im Studium habe ich ziemlich viel „Geschichte der gebauten Umwelt“ gemacht (Also Architekturgeschichte plus Geschichte von Städtebau und Gartenkunst), was im Weltenbau wirklich nützlich ist. So, wie mein ganzes Studium in Bezug auf Techniken für kreatives Arbeiten ein echter Glücksgriff war.
Neugierig sein ist vielleicht das Wichtigste.
Wenn ihr es konkreter haben wollt: Seit mehr als fünfzehn Jahren bin ich aktive Larperin. Ich habe an Schlachten mit mehreren tausend Kämpfer*innen teilgenommen (meistens als Wasserträgerin – auch so ein Job, der gerne mal vergessen wird). Ich kann ein bisschen Bühnenfechten, hab schon häufiger mal mit dem Bogen geschossen, im Freien übernachtet, bin in Flüssen geschwommen …

  1. Welches Genre bedienst Du am Liebsten und weshalb eigentlich?

Fragt doch sowas nicht! Ich habe zwei Low Fantasy Romane geschrieben und ich liebe sie und das Genre. Trotzdem erhalte ich viele Rückmeldungen, dass meine Welten so „untypisch“ seien. Das ist keine Absicht. Ich will eigentlich nur ganz normale Fantasy Welten schaffen und darin Figuren haben, die irgendwie versuchen, ihre Probleme zu lösen.
Prophezeiungen lassen mein Augenlid zucken. Genauso wie Auserwählte, Weltrettungsplots und … Elfen. Ich habe nur zweimal Elfenartige gelesen, die mich berührt haben. Das waren Tolkiens Elben und Tad Williams‘ Sithi. Alles andere sind dürre Typen mit spitzen Ohren.
All das werdet ihr bei mir nicht finden. Dafür gibt es exzessiven (anscheinend? Sagen andere so?) Weltenbau. Städte. Wenig Fremdrassen, wenig Magie, kaputte Helden, möglichst viele graue und sogar bunte Schattierungen zwischen Schwarz und Weiß.
Oh, und aktuell schreibe ich Space Fantasy. Weil ich Bock drauf habe. Und danach vielleicht mal Urban Fantasy?
Mir geht es um lebendige Welten und Figuren. Und ich mag es, abseits von Schablonen zu denken. In der Phantastik ist soviel möglich, und das nutzte ich einfach schamlos aus.

Die Stadt am Kreuz von Rafaela Creydt.
(Copyright: Verlag In Farbe und Bunt)
  1. Papier, Laptop, Notebook, Notizblock, Sprachmemos, Handy, Tablet, Bleistift, Füller, Kuli, malst Du Portraits oder Karten? Nenn uns Deine kleinen Helferlein. Auch gerne Programme – wie Papyrus! Gerne mit Empfehlungen.

Ich liebe meinen Laptop. Die Tastatur ist perfekt zum Tippen. Zum Überarbeiten schließe ich einen zweiten Bildschirm an. Einer für den Text, in dem ich arbeite, einen für die weiteren Beta-Dokumente.
Ich habe immer eine Kladde dabei. Früher blieb die häufig leer, weil es zu mühsam war, sie erst rauszukramen. Aber auf der Arbeit habe ich ohnehin immer Schmierpapier vor mir liegen. Für Telefonnotizen, Berechnungen, Skizzen. Und darauf landen wie von selbst auch alle Schreib-Ideen. Seit ein paar Jahren schneide ich diese Skizzen, Plotideen, Schnipsel etc. einfach aus und klebe sie in meine Kladde. Seitdem füllen sie sich zuverlässig und keine meiner Ideen landet mehr im Papierkorb, wie es mit den Schmierzetteln sonst passiert.
Ein neues Notizbuch darf ich erst kaufen, wenn das aktuelle voll ist. Dann aber als Belohnung immer das schönste, das ich gerade finden kann. Da ich viele Skizzen zeichne, muss es immer blanko sein. Allerdings zeichne ich keine Figuren oder Porträts. Die Skizzen sind meistens nur grobe Gedankenstützen, wie ein Ort funktioniert (ein Lageplan oder Schnitt), oder ein Symbol aussieht. Leider kann ich überhaupt nicht ‚schön‘ zeichnen.
Ich brauche es meistens auch nicht. Für meine Städte habe ich grobe Übersichten, in denen vermerkt ist, wo sich die wichtigsten Handlungsorte befinden. (Von der Pyramide in Atai gibt es zum Beispiel einen Schnitt, der aufzählt, was sich auf welcher Ebene befindet, damit ich mit den Schichten nicht durcheinanderkomme.)
Ansonsten habe ich Post-Its und die Wohnzimmertür ja schon erwähnt.
Wenn ich Plot strukturiere, dann häufig mit Hilfe vieler kleiner Zettel, die ich auf dem Tisch hin und her schiebe, bis alles sinnvoll zusammenhängt.
Oh, und häufig plotte ich mit einer Freundin in einem Chat mit Suchfunktion. Wir haben für jedes Projekt Codeworte, und wenn ich dann z.B. „Projekt X Figur Y“ in die Suchfunktion werfe, finde ich alle Überlegungen, die wir dazu schon mal gewälzt haben. Es ist ein bisschen wie Tom Riddles Tagebuch, ohne die unappetitlichen Nebeneffekte.

Da hatten wir nun die Fragen bezüglich Deiner Selbst. Je mehr Du uns erzählen willst, umso besser. Viele Autoren hatten in der letzten Runde Angst, dass sie viel zu viel geschrieben hätten. Aber das hat dann doch keiner geschafft (keine Herausforderung 😉 ).
Im Gegenteil hatten die meisten, die solche Angst hatten, kein außergewöhnlich langes Interview, also gibt es keinen Grund zur Sorge.

  1. Man kennt es ja, eigentlich sollte man niemals seine Helden treffen. Manchmal ist es jedoch ganz cool – uns ist das zum Beispiel ein Mal passiert – hast Du schon einmal Deinen (Buch-)Helden getroffen oder würdest Du gerne? Wie ist es gelaufen/ wie würdest Du es Dir vorstellen?

Ich verstehe die Frage nicht so ganz, glaube ich. Meine Figuren sind fiktiv und wenn sie mir begegnen würden, wären die meistens aus guten Gründen ziemlich wütend auf mich.
Aber einmal bin ich tatsächlich einer Frau begegnet, die meiner Figur Neschka IntVarien aus „Der letzte Winter der ersten Stadt“ verblüffend ähnlich sah. Ich durfte dann ein Foto von ihr für die Promo verwenden und sie bekam im Gegenzug ein Belegexemplar. Ich glaube, die arme Frau war noch schockierter als ich.

  1. Wo wir gerade bei Helden sind. Die Charaktere sind unsere (Anti-)Helden und halten uns auf Trab. Wie wichtig ist Dir ihre Tiefe? Oder magst Du es beim Lesen/Schreiben eher, sich auf andere Dinge zu konzentrieren? Zum Beispiel die Reise an sich und all ihre Spannung?

Meistens will ich einfach nur eine spannende Geschichte erzählen und gut unterhalten. Mein Ziel sind Pageturner, die der Leser in einem Rutsch durch die Nacht schmökert. Spannung und Handlung lassen sich nicht von Figuren trennen. Wenn dem Leser die Figuren und ihr Schicksal egal sind, müsste die Welt und der Stil schon außergewöhnlich sein, damit weitergelesen wird. Die Reise – die Handlung an sich, entwickelt sich ja immer nur in Bezug auf die handelnden Figuren. Also ist die Figur essentiell für die Reise.
Die Figuren sind Menschen oder sollen zumindest so wirken. Sie sollen sich echt und ernst genommen anfühlen. Ich versuche, beim Schreiben niemals gegen die Figur zu schreiben. Wenn sie etwas nicht tun würde, wird sie es nicht tun.
Allerdings kann ich als Autor die Umstände fast immer so gestalten, dass die Figur eben doch tun würde, was ich will. Indirekte Führung. Noch so was, was man als Landschaftsarchitektin lernt. 😉

  1. Wie viel Ärger bringen Dir Deine Figuren? Gehören sie, wie bei uns beim Bambusblatt, zu denen, die sich selbst benennen und Dir ihre Geschichte erzählen oder hast Du alles fest im Griff?

Manche kommen schon mit Namen, manche brauchen lange, bis sie einen bekommen, der zu ihnen passt. Manchmal muss der Name auch gar nicht zu ihnen passen.
Meine Figuren machen mir keinen Ärger. Ich freue mich, wenn sie lebendig werden und ich nicht mehr jede ihrer Regungen bewusst entscheiden muss. Wie ich sie trotzdem im Griff behalte, habe ich ja oben schon angedeutet: Die Figur ist lebendig. Die Welt gehört mir.

  1. Oben wird es schon halb gefragt, aber: Nutzt Du Zeichnungen für Deine Charaktere? Programme, um sie genau zu erfassen, mit Stammbaum, Aussehen und dergleichen?

Das physikalische Aussehen meiner Figuren ist mir nicht besonders wichtig. Ich lege grundsätzliches fest, oder habe ein Bild im Kopf, aber viel wichtiger ist mir die Ausstrahlung einer Person und damit auch einer Figur. Ausstrahlung lässt sich aber nicht in erster Linie an Details wie Schwung der Augenbrauen oder Wangenknochen, Form der Fingernägel und ähnlichem festmachen. Ausstrahlung ist ihre Haltung, wie sie sich bewegen, wie sie reden, eben das Gefühl und die Assoziationen, die sie beim Gegenüber auslösen. Deshalb beschreibe ich Figuren eher über Bilder und Vergleiche, und die können je nach Perspektivträger durchaus unterschiedlich ausfallen.
Die nackten Fakten kommen zur Sicherheit in mein Glossar Dokument.
Für „Der letzte Winter der ersten Stadt“, wo es auch um Fragen der Erbfolge und Verwandtschaftsgrade geht, habe ich einen Stammbaum in Excel angelegt. Und wenn mein Space-Fantasy-Cast weiter über ihre verwickelten Sippen plaudert, muss ich für die auch mal was anlegen.

  1. Die Frage gab es bereits beim letzten Mal, doch: Musstest Du auf Grund einer Figur schon einmal ein Werk abbrechen?

Nope.

  1. Wie sieht es mit realen Vorbildern aus?

Nein. Bewusste Entscheidung. Ich will niemanden bloßstellen. Und da niemand wissen kann, wovon sich ein anderer bloßgestellt fühlt, werden höchstens einzelne Eigenschaften, die mir an realen Personen begegnet sind, bewusst wiederverwendet. Dann aber so verfremdet, dass es nicht zurückverfolgt werden kann.
Moment!
Einmal, sowas ähnliches. Es gibt zwei Kurzgeschichten, die auf LARP Charakteren von mir und einer Freundin beruhen. Also teilweise sowas ähnliches wie Tatsachenberichte fiktive Geschehnisse sind. Die habe ich zuerst meiner Freundin gezeigt und erst nach ihrem Okay habe ich sie weiterverbreitet.

  1. Welche ist Deine beste Figur? Beziehungsweise Deine am meisten Geliebte? Und welche ist genau das Gegenteil?

Das kann ich nicht entscheiden. Es gibt Figuren, die bei Lesern sehr kontrovers aufgenommen werden. Krai zum Beispiel. Es gibt andere, die von so ziemlich allen geliebt werden, wie Raan. Und ich verstehe warum, schließlich habe ich sie bewusst so geschrieben. Das ist es eben. Ich weiß, warum sie sind, wie sie sind. In „Ender’s Game“ von Orson Scott Card sagt Ender am Ende etwas in der Art wie (SPOILER): „Und wenn ich sie (den Feind) verstehe, dann liebe ich sie auch.“

  1. Wenn Du ungehorsame Figuren hast, wie würdest Du sie manchmal am liebsten „bestrafen“ (oder machst es im Buch sogar) oder was würdest Du ihnen gerne einmal freundlich ins Gesicht schreien?

Wenn meine Figuren aus der Reihe tanzen, weiß ich, dass ich auf einem guten Weg bin. Das ist kein Grund für Wut, sondern für ein überraschtes Grinsen an der Tastatur. (Und manchmal bin ich ein bisschen amüsiert. Zum Beispiel, als sich herausstellte, dass eine Figur Kleidung eher störend findet und sich völlig unbefangen ständig auszieht. Okay. You do you, Schatz.)

  1. Hast Du schon mal einen Charakter getötet, bei dem Du das eigentlich nicht wolltest? Denkst Du da an Konsequenzen? Oder hat doch mal einer überlebt, der eigentlich seine Zeit hinter sich hatte?

Als Tek, die Protagonistin aus „Die Stadt am Kreuz“ als Figur lebendig wurde, war ihre erste freie Entscheidung, Selbstmord zu begehen. Ich konnte nur noch rechtzeitig die Finger von der Tastatur nehmen und überlegen, welche Nebenfigur sie da jetzt wieder rauskriegen könnte. Ich mag die Szene, und die Figurenentwicklungen, die sich daraus ergeben haben, immer noch sehr.

  1. Hat eine traurige Szene in Deinen eigenen Werken Dich wirklich, und nicht nur so dahin gesagt, zu Tränen gerührt, weil die Figuren Dir so am Herzen lagen? Muss auch keine negative Szene sein, vielleicht haben sie sich endlich geküsst oder gar geheiratet? Vielleicht hast Du auch nicht mit ihnen gefühlt, sondern warst einfach nur sehr erleichtert, dass sie es gebacken bekommen haben?

Emotional schwierig war eine bestimmte Sterbeszene in „Der letzte Winter der ersten Stadt“ weil ich plötzlich zusammen mit dem Protagonist vor der Frage stand (SPOILER): Ist Sterbehilfe unter diesen Umständen überhaupt moralisch vertretbar?
Da saß ich erstmal vor dem Manuskript und wusste selbst nicht mehr weiter.
Außerdem war die Szene insgesamt ziemlich herzzerreißend.
Am Ende war ich fertig mit den Nerven, der Welt, und hatte ein paar Taschentücher weniger in der Drama-Box auf dem Schreibtisch.

Dann gehen wir nun einmal in die letzte Etappe!

  1. Als Autor bist Du vermutlich selbst Leser. Beschreibe uns doch gerne Deinen perfekten Leseabend, Lesemorgen oder wie auch immer Du liest. Ist das Notizbuch dabei stets gezückt? Stürzt Du Dich direkt auf jedes neue Werk Deines Lieblingsautors oder bist Du da eher „gildenfrei“ oder entspannt?

Im Sommer lese ich gern draußen. Auf dem Balkon oder noch besser im Park auf einer Wiese, mit den Füßen im Wasser baumelnd …
Wenn es dafür zu ungemütlich wird, dann ganz prosaisch zu Hause auf dem Sofa. Bei einem wirklich guten Buch kann es vorkommen, dass ich in den merkwürdigsten Positionen lese, kopfüber, die Füße auf der Rückenlehne, im Schneidersitz auf der Lehne – die begeisterte Energie muss dann einfach irgendwo hin.
Ich habe nie Stift oder Notizbuch dabei wenn ich lese, außer, ich recherchiere für ein bestimmtes Thema oder Artikel.
Es gibt nur wenige Serien, die ich begeistert verfolge. Aktuell dürften das die „Rivers of London“ von Ben Aaronovitch sein und „Harry Dresden“ von Jim Butcher. Ansonsten lese ich viele Bücher mehrfach oder nehme mir einen Liebling auch mal nur für einen Abend aus dem Regal. Was insgesamt bedeutet, dass neue Geschichten es bei mir schwer haben. Ich muss sie im richtigen Moment erwischen, um Platz in meinem Herzen für sie zu haben.

  1. Hast Du Dich schon einmal an eine Lesung getraut? Vielleicht ja nicht in einer Buchhandlung, aber eine Wohnzimmerlesung oder über einen Discordserver für Autoren? Das alles kommt ja immer mehr. Oder willst Du – verständlicherweise – niemanden einfach in Deine Wohnung lassen? Traust Du Dich laut vorzulesen?

Ich lese für mein Leben gern. Da, es ist raus. Es ist mir fast ein bisschen peinlich, weil ich wirklich quasi jederzeit und überall bereit bin, sofort zu lesen!
Also habe ich schon auf verschiedenen Cons und anderen Veranstaltungen gelesen, oder Vorträge über Städtebau für Rollenspieler und Autoren gehalten.
Aktuell mache ich auch meinem Discord-Server einmal die Woche, immer Sonntagabends einen Readthrough durch „Der letzte Winter der ersten Stadt“.
Wir sind inzwischen ziemlich weit, es gibt Lager mit klaren Meinungen zum Verhalten der einzelnen Figuren, wir diskutieren, was als nächstes passieren könnte (dann schalte ich immer schnell mein Pokerface ein) und ich amüsiere mich jedesmal köstlich. Die Zuschauer hoffentlich auch.
Bei diesen Online-Lesungen zeige ich nicht meine ganze Wohnung, sondern genau einen Ausschnitt, den ich vorher auch immer noch mal aufräume und zurecht mache. Zumindest ein bisschen. Genauso wie ich mich vorher noch mal zurecht mache. Eben so, als würde Gäste zu Besuch kommen.

  1. Wo wir gerade bei Mut sind: Hast Du Dich schon einmal etwas getraut zu schreiben, bei dem Du am Ende dennoch da gesessen und Dich für mutig gehalten hast oder dumme Kommentare befürchten musstest?

Ich habe mal für meinen Blog als Weihnachtsbeitrag meine Gedanken als Autorin zur Theodizee-Frage in ein paar Sätzen zusammengefasst. Das ist die Frage, warum ein allmächtiger Gott, der die Menschheit liebt, nichts gegen das Leid in der Welt unternimmt. Entweder er ist nicht allmächtig, oder er liebt die Menschen nicht, oder? Als Autor*in hat man darauf natürlich eine besondere Perspektive. Für mich war die Antwort deshalb ziemlich selbstverständlich, aber Religion ist ein unglaublich emotionales Thema, und so habe ich mit den aufgeladenen Kommentaren, die dann auch kamen, schon gerechnet.
Allerdings hat der Text auch vielen Menschen gut gefallen. Also war es das wert.
Genauso wie ich jedesmal nervös bin, wenn ich mein berufliches Fachwissen weitergebe. Ich bin Ingenieurin und eingetragene Landschaftsarchitektin, ich habe Fachwissen, trotzdem kommt jedes Mal das Impostorsyndrom um die Ecke und wartet nur darauf, dass jemand eine Frage stellt, die mich als Nulpe entlarvt.
Allerdings ist die Möglichkeit, über die Dinge zu sprechen, die mich begeistern oder die mir wichtig sind, eine so unglaublich wunderbar großartige Erfahrung, dass ich inzwischen bereit bin, das Risiko einzugehen.

  1. Frage an (ehemalige) Selfpublisher: Machst Du Deine Cover selber oder leistest Du Dir einen Designer? Wie läuft es bei Dir in die ein oder andere Richtung ab?

  1. Wie holst Du Dir Rezensenten? Wo findest Du sie? Welche Tipps (auch Blogs, wenn diese die Empfehlungen erlauben) hast Du?

  1. Wie gehst Du mit Rezensionen, negativ und positiv, um? Welche Tipps oder Anmerkungen hast Du für andere Autoren?

Dein Werk wird niemals allen gefallen. Das ist so und das ist auch gut so.
Genieße die positiven Rückmeldungen. Schau dir an, was gefallen hat. Merk es dir. Damit kannst du arbeiten.
Schau dir die negativen an, wenn du die Kraft dafür übrighast. Ich lese meine gern in kleinen Häppchen immer mal wieder, erstmal schnell überfliegen, und später dann, wenn mich nichts mehr wirklich überraschen kann, im Detail. Wenn die Gefühle abgeklungen sind, prüfe, was an dieser Kritik nützlich ist. Aus vielem kann man lernen, aber vieles kannst du auch ignorieren.
Jemand hat sich auf eine Liebesgeschichte gefreut und keine bekommen? Das ist schade, aber daran wird sich nichts ändern.
Jemand versteht meinen Plot nicht, weil die Welt zu wenig erklärt wird? Gut. Das kann ich bei der nächsten Geschichte im Hinterkopf behalten.

  1. Für alle, die schon mal beim Verlag veröffentlicht haben: Wie läuft dieser Prozess ab? Gibt es Tipps von Deiner Seite? Vor allem Geheimtipps und „nicht nur“, dass man es immer weiter versuchen soll? Wie ist das Gefühl, sein Werk in einer Buchhandlung zu sehen?

Mit Geheimtipps kann ich echt nicht dienen. Ich habe nach einem Verlag gesucht, der zu dem Roman passte und der auf mich einen vertrauenswürdigen und professionellen Eindruck machte. Es ist wichtig, sich zu informieren, und aufs Bauchgefühl zu hören.
Bloß weil ein Verlag Interesse zeigt und viele nette Dinge über dein Buch sagt, ist das noch kein Grund, zuzusagen.
Ein DKVZ hat noch nie jemanden glücklich gemacht.
Selfpublishing ist eine Menge Arbeit und auch dort brauchst du vor allem ein gutes Produkt, wenn du Geld verdienen willst.
Ich glaube, eine grundsätzliche Sache, die sich Autoren klar machen sollten ist: Du schreibst für ein Publikum. Wenn dein Publikum groß ist, wirst du das sein, was man erfolgreich nennt, weil sich das in vielen Verkäufe etc. niederschlägt. Wenn dein Publikum klein ist, wirst du weniger verkaufen. Mach dir vorher klar, wie groß dein Publikum vermutlich sein wird.
Wenn du in der Nische der Nische schreibst, dann wird dein Publikum klein sein, egal wie großartig deine Geschichte ist. Aber trotzdem berührst du mit deiner Nischengeschichte die Herzen von Menschen. Schenkst ihnen Freude, Träume, neue Gedanken und eine Reise im Kopf. In deiner kleinen Nische berührst vielleicht sogar Menschen, die sonst nur selten etwas finden, das ihnen diese Erfahrung schenkt. Das ist auch Erfolg.
Ich habe im Kleinverlag veröffentlicht, der noch keine Buchhandelspräsenz hat, deshalb habe ich noch nie ein Buch von mir im Geschäft liegen sehen, aber als die Belegexemplare für meinen ersten Roman ankamen, hatte ich Tränen in den Augen. Bisschen emotional und so. Geht gleich wieder. Keine Fotos!
Abrechnungen zu bekommen, ist übrigens auch großartig, selbst wenn die Zahlen klein sind. Es gibt Leute, die Geld ausgeben für meine Geschichten!

  1. Auch an die Selfpublisher, wie ist das Gefühl, sein Buch in der Handlung zu sehen? Und wie kommt ihr dorthin? Sprecht ihr zum Beispiel die Händler an?

  1. Möchtest Du jemanden grüßen? Menschen danken? Ihnen hier eine Spalte zur Verfügung stellen?

Grüße an mein virtuelles Wohnzimmer im Tintenzirkel, die sich gerade wieder in den NaNoWriMo stürzen. Ich hatte lange Zeit keine Lust auf Schreib-Communities, hatte sogar ein bisschen Angst davor. Aber Menschen, die so denken wie ich, sind keine Gefahr, sondern eine Bereicherung.
Danke, ihr Lieben.
Und ein besonderer Shoutout an Romy Wolf, die wunderbare Bücher schreibt, ohne es selbst zu merken.
Ich plotte jederzeit mit dir. Team Mimimi!

  1. Wie beim letzten Mal möchten wir Dir hiermit die Möglichkeit geben, Dich anzubringen, Deine Werke anzupreisen, Werbung zu machen. Und/oder ein Schlusswort hinzuzufügen.

Kauft meine Bücher!

Kauft die „Queer*welten“!

Kauft die Anthologie „Nachtmeer – Dunkle Folklore“, in der meine neueste Kurzgeschichte „Die Umlaufbahnen der Skan“ erscheint und deren Erlöse dem Schutz der Schweinswale in Nord- und Ostsee zu Gute kommt.

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Verfallt nicht dem Irrtum, nur das Furchtbare in der Welt zu sehen.


Kirsten Lang, Autorin

Rafaela Creydt wurde 1982 am Rande Göttingens geboren. Nach Abitur und der Erkenntnis im ersten Semester Germanistik, dass nicht jeder zum Theoretiker geboren ist, fand sie im Studium der Landschaftsarchitektur genau die richtige Mischung aus Kreativität und Wirklichkeit.
Sie hat in fünf verschiedenen Städten in drei Bundesländern gewohnt, interessiert sich für viel zu vieles von Rollenspiel bis Design, und lebt zur Zeit als Landschaftsarchitektin in Nürnberg.
Sie hat Kurzgeschichten sowohl unter ihrem Klarnamen als auch als Rafaela Creydt veröffentlicht, sowie die Romane
„Die Stadt am Kreuz“ von Rafaela Creydt bei In Farbe und Bunt, 2015
„Der letzte Winter der ersten Stadt“ von Rafaela Creydt bei In Farbe und Bunt, 2018


(Copyright Autorenfoto: Rafaela Creydt)

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