Rezension: Die Spiegelreisende 04 – Im Sturm der Echos (Christelle Dabos)

Christelle Dabos - Die Spiegelreisende 4: Im Sturm der Echos
(Copyright Cover: Insel Verlag / Copyright Foto: Das Bambusblatt)

Mit „Die Spiegelreisende 4 – Im Sturm der Echos“ hat Christelle Dabos ihre Reihe rund um Thorn, Ophelia, Gott und „den Anderen“ zu einem Abschluss gebracht. In Deutschland erschien das Finale am 21.06.2020 im Insel Verlag, als Hardcover für 18€, eBook für 15,99€, Hörbuch (MP3 CDs) für 15,99€ und als Hörbuchdownload für 12,95€.

Meine gebundene Ausgabe erhielt ich freundlicherweise via Vorablesen als Rezensionsexemplar.

Ophelia hat nach drei Jahren der Suche endlich ihren verschwundenen Ehemann Thorn wiedergefunden, aber damit sind die Probleme nach wie vor nicht aus ihrem Leben verschwunden. Auf Babel treiben sich immer mehr Echos herum, Teile der Haupt- und der Nebenarchen stürzen ein und der Hass auf die Bürger von anderen Archen wächst so sehr an, dass diese ausgewiesen werden sollen. Dabei sieht es auf den restlichen schwebenden Inseln keinen Deut besser aus.
Ophelia ist eine der wenigen, die weiß, dass „der Andere“ und Gott daran Schuld haben und dass sie beide, zusammen mit Thorn, finden muss, um dieser Sache einen Einhalt zu bieten, bevor alles Land der alten Erde verschwunden ist.

Ich habe lange Zeit darauf gewartet, dass der vierte Band endlich erscheinen würde, und war dementsprechend traurig, als er einmal verschoben worden ist und ich bis einen Tag nach meinem Geburtstag warten sollte. Aber jetzt ist er da und ich habe ihn gelesen und kann euch meine Meinung dazu präsentieren.

Der Schreibstil ist genauso wie der in den ersten drei Bänden. Solide, gut und flüssig runterzulesen, gibt es nichts Sichtliches dabei auszusetzen.
Ehrlich gesagt erinnert mich der vierte Band sehr an die Vorteile, was per se nichts Schlimmes ist, immerhin handelt es sich um eine Reihe. Noch dazu um eine Reihe, die mir äußerst viel Freude bereitet hat.
So erging es mir auch die meiste Zeit mit dem Finale der Reihe. Die Charaktere sind immer noch liebenswert oder abartig, aber so oder so gut gezeichnet. Sie leben auf ihren Archen und somit in einer magischen, stimmungsvollen, manchmal doch etwas abstrusen Welt. Ich liebe es, wie die Autorin manche Ereignisse aus unterschiedlichen Sichten zusammen geknüpft hat und wie sich damit eine Geschichte entfaltet, die so „harmlos“ mit einer Ehe aus diplomatischen Gründen anfing und in der Rettung der Welt endete. Noch dazu kam mir die Gänsehaut, als die „ausländischen“ Bürger von Babel auf einmal zusammengepfercht wurden. Wer keinen Nutzen hatte, wurde direkt aussortiert, teils in den Tod geschickt. Sie wurden markiert. Es erinnert mich sehr an die Vergangenheit in unserem Leben, nicht nur speziell auf Deutschland bezogen.

Doch den mahnenden Zeigefinger muss ich auch erheben. Für mich sind dieselben Fehler drin wie in den ersten Teilen: Ophelia stapft von einer Sache zur Nächsten und die Autorin versucht das alles immer noch damit zu erklären, dass Ophelia sich selbst gezeichnet hat – kurzer Einschub, ich finde es hervorragend, dass es jeden hätte treffen können und nicht nur Ophelia – und sie eben durch ihre Spiegelreise als Kind verdreht wiedergekommen ist und somit der Tollpatschigkeit unterliegt.
Aber das wirkt für mich nach wie vor wie eine lahme Ausrede dafür, dass Ophelia nicht nur immer im Zentrum aller Katastrophen stehen soll, sondern es auch einfach viel zu viele gibt.

Teilweise empfand ich sie übrigens in diesem Band als gemeiner als in den anderen Bänden und das auf eine Art, für die ich die Logik dahinter immer noch nicht verstanden habe, da sie nicht allgemein angespannter wirkt, sondern es völlig zufällig hin und wieder dazu kommt.
Dafür liebe ich es, welche Wandlung sie in den vier Bänden auf sich genommen hat und nun deutlich selbstbewusster und eigenständiger ist!

Dennoch: Auch ein weiterer Kritikpunkt ist immer wieder aufs Neue mit auf der Liste. Die Tatsache, dass sie jetzt endlich mit Thorn verbunden und zusammen sein soll und einmal mehr wird eine Ausrede gefunden, wieso die beiden kaum Zeit miteinander verbringen. Im Angesicht dessen verstehe ich auch nach wie vor nicht wirklich, wieso Ophelia sich in ihn verliebt hat und das auch noch so unsterblich.

Hinzu kommt, dass es zwei Thornkapitel gibt, wovon das Erste absolut unpassend von der Zeitlinie her passt. Das andere führt mich direkt zu meinem dritten und größten Kritikpunkt: Das Ende stört mich. Und bevor jemand ankommt mit „wenn du es nicht ab kannst, dass es kein Happy End ist, sondern ein gemischtes Ende, dann geh zurück in die Krabbelgruppe“: Nein. Ich habe nichts gegen Sad Endings, Happy Endings oder etwas dazwischen (ich liebe das Ende von Red Dead Redemption 2 zum Beispiel, auch wenn es mich durchweg jedes Mal zum Heulen bringt). Ich finde es einfach schlecht gemacht.
Zum einen sind es mir zu viele Opfer, die dabei noch eher nebenher erwähnt werden. Sie scheinen Ophelia nicht wirklich zu kümmern. Zum anderen hat die Autorin zu viel angekündigt, Visionen, die Ophelia hat, Visionen, die Thorn hat, Handlungsstränge, die angefangen aber nicht richtig zu Ende geführt wurden. Nebencharaktere wie Ophelias Patentochter oder alle, mit denen diese unterwegs sind, sind mehr oder minder unnütz, bekommen keinen richtigen Existenzgrund und wirken damit doch sehr lahm.
Zudem ist das Ende ein halb offenes Ende und wenn man die letzte Seite der Geschichte umblättert, kann man genau oben in der Ecke eine kleine kursive Schrift ausmachen, die vermutlich ein Fortsetzungsköder sein soll.
Versteht mich nicht falsch. Ich würde mich tierisch freuen, wenn wir wieder in diese Welt eintauchen dürften. Gerade auch noch mit diesen tollen Charakteren. Die meiste Zeit hatte ich auch mehr als Spaß. Es war eine spannende Reise und über die Fehler, die ich jetzt bereits zum vierten Mal anmerke, kann ich sehr gut hinwegsehen, sogar über den mit Thorn.
Doch je länger ich über das Ende nachdenke, desto enttäuschter bin ich. Ich kann es nicht einmal richtig in Worte fassen. Es ist, als hätte sie einen Ballon zu groß aufgeblasen und dann zu rasch die Luft rausgelassen. Zu viel versprochen, zu wenig gehalten. Irgendetwas fehlte mir. Zu wenig kam für mich in den Fokus, nachdem man es so lange mit sich herumgetragen hat. Was doch sehr schade war. Mit all den Ansätzen hätte es durchaus einen fünften Band geben können.
Ich bin jetzt nach diesem halb offenen Ende mehr als gespannt, was nun kommen wird. Eine weitere Reihe in diesem Universum? Verbleibt das Ganze nun so? Kommt doch noch irgendwann ein fünfter Teil?
So oder so war da die Blase und so oder so war ich enttäuscht am Ende. Allein wie sehr Ophelia alles am Ende einfach hinnimmt, während sie mit einem anderen Schicksalsschlag, den sie am Anfang des Buches erfährt, die ganze Zeit hadert und sich nicht traut, darüber zu sprechen.

Mein Fazit

„Die Spiegelreisende 4 – Im Sturm der Echos“ macht vieles richtig, aber auch vieles falsch. Die Autorin hat manche Dinge nicht abgelegt, entweder weil sie es nicht will – was in Ordnung ist, da es ja ihr Werk ist – oder weil es ihr nicht auffällt. Aber da jeder Schreiber so seine Fehler hat, mich eingeschlossen, kann ich gut darüber hinwegsehen. Es gilt dennoch: Toller Schreibstil, unglaubliche Geschichte, die vernetzter ist, als man glaubt, und eine Welt so abstrus und fantastisch, dass man sie mehr und mehr erkunden möchte und eigentlich gar nicht anders kann, als sich auf andere Werke dort zu freuen.
Aber gleichzeitig sind es mir zu viele angefangene Handlungsstränge, die dann doch keinen Wert hatten. Ab einem Punkt zog sich das Ende etwas, um dann auf einmal zusammengestaucht zu werden und zu rasch abgehandelt zu sein.
Ophelia nimmt am Ende alles Verlorene doch recht locker hin und die Visionen, die sowohl Thorn als auch sie hatten, treten längst nicht alle ein.
Der vierte Band hat Spaß gemacht, an dem Ende habe ich so jedoch noch zu knabbern. Was schade ist und nichts mit den Opfern zu tun hat.
Kaufempfehlung gibt es dennoch von mir.

Geschrieben von Judith

Linksektion

Verlagsseite des Buches
„Die Spiegelreisende 04 – Im Sturm der Echos“ bei Thalia*

Natürlich findest Du bei uns auch die Rezension zu Teil 1 „Die Spiegelreisende 01 – Die Verlobten des Winters“ bei uns.
Ebenso „Die Spiegelreisende 02 – Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast“.
Und „Die Spiegelreisende 03 – Das Gedächtnis von Babel“.

4 Kommentare zu „Rezension: Die Spiegelreisende 04 – Im Sturm der Echos (Christelle Dabos)“

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