Autoreninterview Nike Leonhard

Danke, dass Du Dich bereit erklärt hast, ein kleines Interview mit uns zu machen! Wir freuen uns sehr auf Deine Antworten und sind gespannt, wie andere Autoren diesen Fragebogen ausfüllen werden.
Nochmal kurz etwas zum Bambusblatt: Wir sind ein Team aus zwei Autoren und einem verfressenen Panda. Wir arbeiten hart daran, dass es von uns kostenlose Geschichten geben wird. Außerdem gibt es den Blog, auf dem wir Rezensionen schreiben und eben auch die Interviews posten werden. Zudem toben wir uns auch im Thema Merch aus – so kann man Armbänder über unseren Etsyshop KeithLeBambou erwerben. Über Spreadshirt gibt es bereits das Motiv von einem Halloweenpanda Keith auf verschiedene Objekte gedruckt.
Natürlich steht es Dir frei, Fragen auszulassen. Das hier ist Dein persönlicher Bogen. Über lange Antworten freuen wir uns besonders, aber manchmal gibt es auch nicht so viel zu erzählen. Lies Dir am besten erst einmal den gesamten Bogen durch.
Viel Spaß!


Zunächst ein paar persönliche Fragen. Hier geben wir Dir Raum, Dich vorzustellen. Zum Beispiel Deinen (Autoren)Namen zu nennen, Deine bereits erschienenen oder bald erscheinenden Werke aufzulisten, etwas über Dein Alter oder Deine Social–Media Kanäle zu sagen:

Hallo erst mal und danke für die Einladung, mich hier vorzustellen. Ich bin Nike Leonhard und schreibe Fantasy. Meine Spezialität sind kürzere Formate, also Novellen, Kurzgeschichten und Erzählungen. Sie erscheinen in der Reihe Codex Aureus, die ich selber herausgebe. Bisher sind dort erschienen:
• Der Esel als Pilger (E-Book): Eine Fabel über einen Esel, der hofft, in Rom das Paradies zu finden.
• Steppenbrand (E-Book und Print): Eine fantastische Legende um Aufstieg und Fall eines Steppenfürsten.
• Der Fluch des Spielmanns (E-Book): Historische Fantasy über fahrende Spielleute.
• O Tannenbaum (E-Book): Großstadtmärchen über eine Dryade, die alles versucht, ihren Baum zu retten.
• Biss zum letzten Akt (E-Book und Print): Urban-Fantasy um eine kriminelle Vampirin.
• Was von ihnen blieb (E-Book): Zwei Geistergeschichten
Mehr über mich gibt es auf meinem Blog https://nikeleonhard.wordpress.com/ und auf Twitter unter https://twitter.com/nike_leonhard

Erzähl gern etwas über Dich.
Bist Du verheiratet, hast Du Kinder? Was auch immer Du erzählen willst und vielleicht auch, wie sich das in Deinen Autorenalltag mit eingliedert. Zum Beispiel wie Dein Ehepartner Dich beim Schreiben unterstützt.

Ich bin Fantasy-Autorin und SelfPublisherin, d. h. ich schreibe nicht nur Bücher, sondern kümmere mich auch um Lektorat, Buchsatz, Vertrieb und alles, was sonst noch dazugehört. Ich bin also sozusagen auch mein eigener Verlag. Dabei war es nie mein Plan, Schriftstellerin zu werden. Ich habe zwar schon immer gerne und so viel gelesen, dass meine Eltern in Sorge waren, ich könne den Kontakt zur Realität verlieren, aber daran, auch beruflich etwas mit Büchern zu machen, habe ich nie gedacht. Als Kind habe ich davon geträumt, Biologin zu werden; wenn möglich Verhaltensbiologin. Ich wollte Löwen, Giraffen, Schimpansen und andere Großtiere erforschen. Ich habe vom Leben im Dschungel geträumt und davon, mit dem Heißluftballon über die Savannen Afrikas zu fliegen. Alternativ hätte ich mir auch vorstellen können, Archäologin zu werden und Schätze und unbekannte Kulturen zu entdecken. Außerdem habe ich leidenschaftlich gerne gemalt.
Geworden bin ich dann allerdings Juristin. Einige Zeit hatte ich eine eigene Anwaltskanzlei. Dann bekam der Mann, der für mich sein Studium aufgegeben hat, ein Angebot, das man nicht ausschlagen konnte. Also habe ich meine Kanzlei aufgegeben, ihn geheiratet und bin mit ihm in eine andere Stadt gezogen. Inzwischen haben wir zwei Kinder und einen Hund und statt Schriftsätzen verfasse ich nun Bücher.


Welche Bücher sind die, die Du am liebsten selber liest?

Am liebsten lese ich Bücher, die mir mehr bieten, als „nur“ sprachlich gelungen eine spannende Geschichte mit tollen Charakteren. Selbstverständlich lese ich auch solche Bücher gerne, weil sie die Möglichkeit bieten, den Alltag ein paar Stunden zu entfliehen.
Noch lieber mag ich aber die Bücher, die mich inspirieren, indem sie neue Gedanken erschließen, mir neues Wissen vermitteln oder Fragen aufwerfen, über die ich vorher nie nachgedacht habe. Solche Bücher liebe ich. Das sind die Bücher, die bleiben, weil ich sie nicht nur einmal, sondern immer wieder lese.


Wen liest Du am liebsten? War er Deine Inspiration?

Zur Zeit lese ich Juli Zeh sehr gerne, aber ich habe so wenig einen Lieblingsautor oder eine Lieblingsautorin, wie das eine Lieblingsbuch. Bei manchen schätze ich die Figuren. Bei anderen den Stil oder die Wahl der Themen. Auch meine Inspiration kommt aus ganz vielen Quellen. Dazu gehören Teile des Literaturkanons, afrikanische Märchen, europäische Sagen und die Erzählungen aus tausendundeiner Nacht, aber auch ganz viel sogenannte Trivialliteratur.

Welches Projekt (nicht Buch) würdest Du gern umsetzen?

Ich träume immer noch von einem riesigen Wandteppich mit Drachen, die über einer Burg kreisen.

Wenn alles möglich wäre, was wäre Dein erster Wunsch?

Wahrscheinlich sollte ich jetzt so etwas antworten, wie „Weltfrieden“ oder wenigstens „den Klimawandel aufhalten“. Tatsächlich ist mein sehnlichster Wunsch aber etwas bescheidener und egoistischer. Was ich mir wirklich wünsche, ist ein Heilmittel für Muskeldystrophien. Zwar bin ich nicht selber betroffen, aber es gibt einen Fall in der Familie.

Was ist die beste Geschichte, die Du nie (fertig) geschrieben hast?

Eine Adaption der Nibelungensage aus der Sicht Brünhildes. Die Sage selbst ist faszinierend und die interessanteste Gestalt darin ist Brünhilde. Tatsächlich ist das eins meiner ältesten Projekte, aber im ersten Versuch bin ich krachend an meiner eigenen Naivität gescheitert. Vielleicht versuche ich es in fünf Jahren oder so noch einmal.

Was möchtest Du als Autorin noch erreichen?

Mehr Menschen. Mehr Buchverkäufe. Und natürlich möchte ich weiter schreiben und veröffentlichen.

Zwar stehen oben auch schon Fragen zu Dir als Autor direkt, aber gehen wir da jetzt mal ein wenig mehr drauf ein!

Welche Fehler beim Schreiben sind Dir über Dich selbst bekannt und welche ärgern Dich am meisten? Wie versuchst Du, sie loszuwerden, oder akzeptierst Du sie einfach?

Ich hänge schon bei der Erstfassung unheimlich an Details und den Formulierungen. Wenn ein Satz nicht die Wirkung hat, die ich beabsichtige, will ich sofort löschen und neu formulieren bis alles stimmt. Bei jeder Wissenslücke überfällt mich der Drang, sofort jedes Detail zu recherchieren.Das ist natürlich total kontraproduktiv. Deshalb versuche ich, mich dazu zu zwingen, erst mal einen Entwurf fertig zu schreiben und alles andere auf die Überarbeitung zu verschieben. Das klappt je nach Tagesform mal besser mal schlechter.

Für uns andere Autoren auch interessant: Wie läuft Dein Schreibprozess bei Dir ab? Von der Idee bis zur Korrektur?

Ideen habe ich mehr als genug. Die springen mich oft ganz unvermittelt an, ohne dass ich immer genau sagen könnte, woher. Alle, um die ich mich gerade nicht kümmern kann, kommen in ein Plotbunny-Dokument – nur für den Fall, dass mir irgendwann die Inspirationen ausgehen. Meist habe ich aber so zwei bis drei, die länger im Hirn kleben bleiben. Das sind die, die es am ehesten schaffen, umgesetzt zu werden.
Bevor ich mit dem Schreiben beginne plotte ich die gesamte Geschicht von Anfang bis Ende. Im Grunde ist das der spannendste Teil des Schreibens, weil hier noch alles möglich und im Fluss ist. Wo ist der Ausgangspunkt? Wie entwickelt sie sich die Geschichte weiter? Welche Figuren treten auf? Welche Verwicklungen und Hindernisse gibt es? Welche Stärken brauchen die Protagonist*innen, um diese Hindernisse zu überwinden? Was treibt sie an? Woran könnten sie scheitern? Wer sind die Freunde, Verbündete und Unterstützer und wer oder was stellt sich ihnen entgegen? Vor allem aber: Wie geht die Geschichte aus? Das ist für mich die wichtigste Frage überhaupt, denn bevor ich das Ende nicht kenne, kann ich nicht schreiben. Ich brauche dieses Ziel, auf das ich hinarbeiten kann.
Wenn ich es gefunden habe, sortiere ich meine Notizen und lege den groben Ablauf fest. Dabei zeigt sich dann meist schon, ob die Geschichte in sich schlüssig ist oder ob es größere Plotlöcher gibt, die noch gestopft werden müssen. Dabei ist es sehr hilfreich, das Ende zu kennen, weil ich jetzt nur noch zu fragen brauche, was passieren muss, damit es zu diesem Ende kommt. Sofern nötig recherchiere ich Fakten, male Karten und zupfe den Verlauf noch einmal zurecht. Am Ende dieser Phase habe ich eine Art Expose, das mir beim Schreiben als Landkarte dient, die dafür sorgt, dass sich die Geschichte nirgends verläuft.
Worauf ich verzichte, ist, schon im Vorfeld genaue Szenenpläne und ausgefeilte Charakterbögen zu erstellen. Dadurch bleibt auch das Schreiben selbst für mich spannend, weil Raum für neue Entwicklungen bleibt.
Meist ist mir die Geschichte trotzdem irgendwann über, wie Besuch, der zu lange bleibt. Das ist der Moment, an dem es schwierig wird. Oder vielleicht besser gesagt: Das sind die Momente, an denen es schwierig wird, denn meist passiert das nicht nur einmal. Oft sind sie begleitet von dem Gefühl, sowieso nur abgestandenen Mist zu schreiben, den ohnehin kein Mensch lesen will. Das einzige mir bekannte Mittel dagegen ist Sturheit. Weiterzumachen, auch wenn es nur dazu dient, dieses Projekt abzuschließen und sich neuen, viel interessanter erscheinenden Dingen zuwenden zu können. Auch in solchen Momenten ist es übrigens hilfreich, den Ablauf und das Ende zu kennen. So hat man Orientierungspunkte, sieht die Fortschritte besser und weiß, worauf man zuarbeitet.
Spätestens bei Schreiben der Klimax und des Endes verschwinden alle negativen Gefühle. Der bevorstehende Abschied stimmt mich zwar immer etwas wehmütig aber gleichzeitig beflügelt die Aussicht, endlich fertig zu sein, meine Finger. Das Gefühl, den letzten Satz zu beenden, diese Mischung aus Erleichterung, Triumph und Melancholie, dass es nun wirklich ein Ende hat, lässt sich kaum in Worte fassen.

Wie bist Du auf das Genre gekommen, das Du schreibst?

Auf Umwegen. Ich habe anfangs quer durch alle Genres geschrieben. Die Nibelungen-Adaption sollte ein historischer Roman werden. Ein anderes Romanfragment erzählt die Geschichte zweier Auswanderer im 19. Jahrhundert. Auf meiner Festplatte schlummern aber auch noch die Manuskripte für zwei Krimis und etliche Kurzgeschichten, die in die Kategorie Contemporary/Mainstream gehören.
Die Fantasy habe ich erst nach der Geburt meines ersten Sohns durch Fanfictions zum Herrn der Ringe (wieder)entdeckt. Damals entstand auch die erste Fassung von „Steppenbrand“. Trotzdem habe ich die Fantasy lange nur als eine Art Hobby gesehen und als es darum ging, mich für eine Richtung zu entscheiden, waren historische Romane meine erste Wahl. Es gibt es so viele interessante Epochen, so viele praktisch vergessene Ereignisse und Persönlichkeiten, die ich gerne erkundet und ins Gedächtnis gebracht hätte.
Das änderte sich mit dem Boom des historischen Romans schlagartig. Plötzlich war die Bezeichnung „Historischer Roman“ ein Synonym für Geschichten in einer Welt voller Schmutz, Gewalt und Unterdrückung. Mit Geschichte hatten diese Bücher ungefähr so viel zu tun, wie ein Karnevalsprinz mit dem Haus Windsor. Ich will niemandem das Recht absprechen, das toll zu finden. Aber mein Ziel war, darüber zu schreiben, wie die Menschen einer bestimmten Epoche gedacht und gelebt haben und das war unter diesem Label nun nicht mehr möglich. Meine Bücher hätten falsche Assoziationen geweckt und Leseerwartungen enttäuscht.
So bin ich schließlich in der Fantasy gelandet, dem wahrscheinlich am meisten unterschätzten Genre von allen. Das Großartige an der Fantastik ist ja, dass sie an keinerlei Beschränkungen gebunden ist. Sie muss keinen realen Gegebenheiten entsprechen, sondern funktioniert im Rahmen ihrer eigenen Gesetze. Genau das liebe ich daran: Ich kann immer noch Elemente aus unterschiedlichsten Epochen verwenden, kann Religionen und philosophische Denkmuster aufgreifen – aber ich bin weder räumlich noch zeitlich gebunden und deshalb vollkommen frei, alles neu zu kombinieren.

Warum hast Du mit dem Schreiben angefangen? Erzähl uns die Geschichte!

Oje, das ist schwer zu beantworten. Ich weiß ja nicht einmal genau, wann ich mit dem Schreiben angefangen habe. Ich kann mich nur erinnern, zuerst gemalt zu haben. Aber schon meine Bilder waren immer voller Geschichten. Ich erinnere auch, meiner jüngeren Schwester kleine Bücher mit Bildergeschichten gebastelt zu haben. Offenbar waren die Geschichten schon immer da und wollten erzählt werden. Aber wann und warum ich begonnen habe, sie in Worte zu fassen, statt in Bilder, kann ich wirklich nicht sagen.

Was motiviert Dich?

Vor allem Gespräche mit anderen Autorinnen. Ich habe hier bewusst die weibliche Form gewählt, weil ich Gespräche mit meinen Kolleginnen tatsächlich inspirierender und motivierender finde als die mit Kollegen. Ich erlebe sie als deutlich offener und diskussionsfreudiger, selbst, wenn wir verschiedene Ansichten vertreten.
Daneben motivieren mich Rezensionen, selbst, wenn „nur“ drei Sterne vergeben werden. Außerdem natürlich Leseempfehlungen in Blogs oder auf sozialen Medien. Und selbstverständlich trage ich tief im Herzen die Hoffnung, dass eins meiner Bücher irgendwann vielleicht einmal einen Bestseller werden könnte.

Wie viel Schreibzeit hast Du?

Zwei bis vier Stunden am Tag. Mal ein bisschen mehr, oft eher zwei als vier.
Lässt du Dich gerne auch mal ablenken?
Ich habe einen schwarzen Gürtel in Prokrastination. Dazu kommt meine unbändige Neugierde, was Recherchen sehr gefährlich macht. Der Versuch, irgendein Detail nachzuschlagen, endet oft damit, dass ich mich im Thema verliere und nachher nicht nur das eine Detail überprüft habe, sondern auch jede Menge Informationen zu Themen gesammelt habe, die weitläufig damit zusammenhängen.

Welches Deiner Bücher magst Du selbst am liebsten und warum?

Die Frage ist gemein. Es ist ein bisschen so, als würde man fragen, welches meiner Kinder ich am liebsten mag. Tatsächlich mag ich alle meine Bücher. Jedes ist ein Unikum mit eigenen Stärken und Schwächen. Auch das haben sie mit meinen Kindern gemeinsam. Aber wenn ich nicht an ihre Stärken glauben und sie trotz ihrer Schwächen mögen würde, hätte ich sie nie veröffentlicht. Was ich selber nicht mag, möchte ich auch keinem anderen zumuten.

Wie sieht in Deinen Augen der Alltag eines Autors aus? Die meisten nur Leser können sich nichts darunter vorstellen.

Ich glaube nicht, dass man das pauschalieren kann. Wenn man sich die Biographien von Autor*innen ansieht, gibt es da Tagaktive und Nachteulen. Manche setzen sich eine bestimmte Seitenzahl als Pensum, andere haben geradezu Bürozeiten. J. K. Rowling hat in Cafés geschrieben, sobald ihr Sohn eingeschlafen war. Franz Kafka schrieb abends, nach der Arbeit, ein Bekannter von mir nutzt die tägliche Fahrt von und zur Arbeit.
Die Gemeinsamkeit besteht im Grunde nur darin, dass sie alle schreiben, und dass sie Routinen entwickelt haben, die für sie selber funktionieren.

Wie stehst Du heute zu Deinen ersten Geschichten?

Wie schon gesagt: Meine ersten Geschichten sind irgendwo und irgendwann verschollen. Zu denen habe ich keine Meinung. Von der Nibelungen-Adaption existieren noch Fragmente und die sind grottig. Der Stil ist hölzern und voller Pathos, den Figuren fehlt die Tiefe. Als Film hätte das Ganze gute Chancen auf einen Sendeplatz bei SchleFaZ. Allerdings mag ich die Grundidee immer noch so sehr, dass ich immer wieder daran überlege, sie noch mal neu anzugehen.

Was würdest Du jetzt gern an dieser Geschichte ändern?

So ziemlich alles. Natürlich würde der, von der Nibelungensage vorgegebene Kern bleiben. Auch die Ergebnisse meiner damaligen Recherchen, würde ich vermutlich zum Großteil übernehmen. Aber Figuren und Stil müssten grundlegend überarbeitet werden, die Nebenhandlungen umgeschrieben werden. Vor allem aber brauche ich ein anderes Ende.

Sie sind unabdingbar und gerne zickig. Die Figuren. Wir lieben und wir hassen sie und meistens kann sich der Leser gar nicht vorstellen, welches Leid wir manchmal mit ihnen erdulden mussten. Ohne sie geht es aber dennoch nicht. Erzähl uns gerne von ihnen!

Magst Du alle Deine Figuren?

Auch eine schwierige Frage. Mögen ist vielleicht zu viel gesagt. Mein Verhältnis zu meinen Figuren ist eher das zu guten Bekannten – oder noch besser gesagt, zu Arbeitskollegen, mit denen man sehr eng zusammenarbeitet. Da weiß man auch ziemlich genau, wie sie ticken. Von vielen kennt man paar private Details, mit einigen geht man auch mal essen. Trotzdem wird daraus in der Regel keine engere Bindung.
Falls Verständnis und Sympathie ausreichen: Ja, in dem Sinne mag ich meine Figuren. Alle. Aber Freundschaft würde ich nur mit ganz wenigen schließen wollen. Dafür kenne ich auch ihre Schwächen und Charaktermängel zu gut.

Gibt es für die Figuren reale Vorbilder?

Nein. Weder äußerlich, noch vom Charakter her. Ich drohe zwar gelegentlich damit, Menschen die mich ärgern, in einem meiner Bücher einen besonders grausamen Tod sterben zu lassen, aber bisher ist so etwas noch nicht vorgekommen.
Meine Figuren entstehen im Lauf des Schreibprozesses. Sie formen die Geschichte und werden von ihr geformt. Das macht es praktisch unmöglich, sie nach realen Vorbildern zu gestalten.

Fällt es Dir leicht, schwierige Figuren zu schreiben? Ganz gleich, weshalb genau sie schwierig sind.

In dem Sinne, dass ich das Schreiben von Figuren nicht schwieriger empfinde als alles andere auch, fällt mir das Schreiben von Figuren allgemein leicht.

Wann genau ist eine Figur schwierig für Dich?

Ich empfinde meine Figuren generell nicht als schwierig. Sie sind komplex. Sie haben widerstreitende Gefühle und Interessen. Aber das gilt für alle. Wenn eine Figur für mich schwer zu fassen ist, dann liegt das daran, dass ich sie, ihre Gefühle und Interessen nicht gut genug kenne, um zu wissen, was sie an einem bestimmten Punkt empfinden oder wie sie handeln würde.

Musstest Du auf Grund einer Figur schon einmal ein Werk abbrechen?

Nein. Nicht wegen einer Figur. Der Fehler liegt immer in der (fehlenden) Struktur der Geschichte. Meine These ist, dass Figur und Geschichte einander bedingen. Wenn eine Figur Schwierigkeiten macht oder sich ganz „weigert“, innerhalb der Geschichte zu funktionieren, ist das ein Zeichen dafür, dass ihre „Grundausstattung“ nicht stimmt, die Geschichte falsch konzipiert oder nicht ausreichend durchdacht ist.
Aber das sind alles Punkte, die ich ändern kann.

Welche ist der Liebling Deiner eigenen Figuren? Wo kommt sie vor und magst Du sie uns vorstellen?

Die Frage ist ähnlich schwer zu beantworten, wie die, welches meiner Bücher ich am liebsten mag. Wie schon gesagt, mag ich meine Figuren, würde sie aber nicht unbedingt zu Freunden haben wollen, weil ich zu genau weiß, wo ihre Schwächen und Charaktermängel liegen.
Freundschaft würde ich vermutlich am ehesten mit Corvin dem Spielmann und seiner Frau Seraina aus Der Fluch des Spielmanns schließen. Beide haben nicht nur viel zu erzählen, sondern sind auch am ehesten das, was man als „grundanständig“ bezeichnen würde. Corvin mag ein bisschen zu leichtsinnig sein und Seraina harsch wirken. Aber sie sind sich und ihren Freunden treu und ihre Werte sind auch am ehesten meine. Wenn sie stehlen, lügen oder betrügen, dann nur, weil ihre Lebensumstände sie dazu zwingen.
Am interessantesten finde ich aber Silke, die Hauptfigur aus Biss zum letzten Akt. Als ich sie geschrieben habe, hatte ich das Bild einer ganz und gar egozentrischen Person im Kopf. Genau das ist Silke auch geworden: nur auf den eigenen Vorteil bedacht, skrupel- und rücksichtslos, egoistisch, amoralisch und kriminell. Gleichzeitig spürt man bei ihr aber auch eine große Einsamkeit und Verletzlichkeit. Das und die Wahl ihrer Opfer macht sie schon fast wieder sympathisch. Als Freundin wäre sie trotzdem eine Katastrophe.

Hier geben wir Dir Raum, selber noch etwas zu Deinen Charakteren zu erzählen.

Meine Figuren sind üblicherweise Außenseiter oder werden im Laufe der Geschichte dazu. Das gilt sogar für Dejasir, den Protagonisten aus Steppenbrand. Er wird zwar zum Anführer seines Volkes, aber nur, indem er die Normen dieser Gesellschaft bricht und ihre Werte aufgibt.
Außerdem zeichnen sich meine Charaktere dadurch aus, dass sie sich nicht in ein Schema aus gut oder böse einordnen lassen. Sie haben gute Seiten, handeln auch mal heldenhaft oder edelmütig, aber gleichzeitig haben sie Vorurteile und andere Charaktermängel, machen fatale Fehler oder gehen bis zum Äußersten, um ihre Ziele zu erreichen. Gerade diese Ambivalenz macht sie spannend.

Und da sind wir auch schon fast durch. Jetzt bitten wir Dich darum, ein Projekt oder DAS Projekt vorzustellen. Dabei wollen wir Dir viel Raum lassen.

Aktuell schreibe ich an einem Werwolf-Western. Kein Cowboys gegen Werwölfe, sondern die Geschichte eines Kopfgeldjägers auf der Suche nach dem Mörder seines Vaters. Die Idee dazu kam mir, während ich an „Biss zum letzten Akt“ geschrieben habe. Dabei fiel mir auf, dass die bei Vampiren oft beschriebene Clan-Struktur eigentlich viel besser zu der Gattung passt, die meist als ihr Gegenspieler gesehen wird: Werwölfen. Der Gedanke blieb haften und formte allmählich eine Geschichte. Dass daraus ein Western wurde, liegt am Topos des einsamen Wolfs, der gerade in diesem Genre weit verbreitet ist.
Damit ist auch die Struktur vorgegeben. Die fertige Geschichte wird ein typischer Western sein, mit einem Protagonisten, der zufällig ein Werwolf ist. Im Kern geht es aber um die Frage, was uns zum Menschen macht – oder zur Bestie. Zugegeben: Ich kann keine Antwort liefern. Mein Protagonist ist alles andere als der „nette Wolf von nebenan“. Er ist aber auch weit davon entfernt, sich bei Vollmond in ein instinktgeleitetes Monster zu verwandeln. Das „wölfische“ ist Teil seiner Persönlichkeit, das er gezielt einsetzt aber gleichzeitig vor anderen zu verbergen versucht.

Extra eine gemeinere Frage: Weshalb sollten Leser auf jeden Fall Dein Buch kaufen?

Weil meine Geschichten gut sind. Das sage nicht nur ich, das bestätigen auch die Rezensionen.
Gemessen an der handelsüblichen Fantasy sind meine Bücher zwar kurz, aber sie sind nachhaltig. Eine Rezensentin meinte gerade, dass man danach nicht das Gefühl habe, etwas Kurzes gelesen zu haben, sondern Welten. Das macht meine Bücher zur optimalen Lektüre für ein Wochenende, eine Kurzreise oder um zwischendurch auf andere Gedanken zu kommen.

Was sollen sich Leute am Ende Deiner Geschichte denken?

Selbst wenn ich das vorgeben könnte – ich würde es nicht wollen. Natürlich hoffe ich, dass die Geschichten gefallen und weiterempfohlen werden. Aber ein bestimmtes Gefühl oder einen bestimmten Gedanken will ich niemandem eingeben. Wenn ich das wollte, würde ich propagandistische Traktate schreiben und nicht Belletristik.
Was auch immer die Beweggründe dafür waren, wieso Du dieses Interview gemacht hast, bestimmt war da auch die Hoffnung, Werbung für Dich machen zu können, ganz gleich, ob du Deinen Lesestoff kostenfrei anbietest oder nicht. Diesen Raum wollen wir Dir hier gerne geben.
Meine Bücher erscheinen unter der gemeinsamen Bezeichnung Codex Aureus. In der Regel veröffentliche ich sie als E-Books in den Formaten mobi und epub. Sie sind damit auf allen Readern lesbar und praktisch überall im Buchhandel erhältlich.
Ausgewählte Bücher sind außerdem als Print erhältlich. Zur Zeit sind das „Steppenbrand“, meine erste Erzählung, an der ich immer noch sehr hänge und „Biss zum letzten Akt“, eine in Frankfurt spielende Vampirnovelle mit Krimi-Elementen.
Die gedruckten Bücher kosten 4,99 Euro, die E-Books sind schon für 1,99 Euro erhältlich.

Mehr Informationen zu meinen Büchern sowie kostenlose Kurzgeschichten gibt es auf meinem Blog
In freier Wildbahn kann man mir außerdem auf Twitter folgen.

Hinweis: Die meisten Fragen sind aus der Community gefischt worden.

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