Rezension: Die Spiegelreisende 03 – Das Gedächtnis von Babel (Christelle Dabos)

Christelle Dabos - Die Spiegelreisende 03: Das Gedächtnis von Babel
(Copyright Cover: Suhrkamp Insel Verlag / Copyright Foto: Das Bambusblatt)

Der dritte Band der Spiegelreisenden Saga von Christelle Dabos trägt den Namen „Das Gedächtnis von Babel“ und erschien am 18.11.2019 ebenfalls im Inselverlag.

Fast drei Jahre ist es her, dass Ophelia ihren Ehemann das letzte Mal gesehen hat. Kurz nach seinem Verschwinden hat sie Pol verlassen müssen, um nach Anima zurückzukehren. Was vorher ihr innigster Wunsch gewesen war, ist nun nicht mehr als eine Bestrafung. In diesen drei Jahren hat sie sich komplett in sich selbst zurückgezogen und versucht, eine Spur ausfindig zu machen, um Thorn wieder sehen zu können.
Als Ophelia endlich auf das stößt, was sie sucht, führt ihr Weg sie nach Babel, der strengen und modernen Arche der Familiengeistzwillinge Pollux und Helen. Eine Arche, die wie eine ganz neue Welt wirkt, in der Ophelia auf mehr als eine Art sich selbst neu finden muss, während sie zeitgleich nach Thorn Ausschau hält.
Unter anderem muss sie Virtuosenauszubildende werden, um in das Herzstück von Babel zu kommen, denn nur dort scheint der lose Faden endlich einen Knoten zu finden. Doch die Konkurrenz ist zahlreich und mörderisch und das Pensum hoch. Noch dazu brennt ihr die Zeit unter den Nägeln davon.

Mir persönlich macht die Reihe sehr viel Spaß, demnach ist es natürlich kein Wunder, dass nach den ersten beiden Teilen auch der Dritte eine Rezension auf dem Blog bekommt, ebenso wie man den Vierten und Letzten hier finden wird.

Die Spiegelreisende überzeugt mich nach wie vor mit einer bezaubernden Geschichte und einer starken Heldin, die nur hin und wieder ein wenig Sympathie verliert, so wie es eine gut geschriebene Figur immer macht. Dabei hat Dabos sich immer neu Mühe gegeben, die Welt niemals stagnieren zu lassen, sondern von Band zu Band weiter daran zu arbeiten, immer mehr Kuriositäten einzubauen. Dabei wirkt es jedoch nie übertrieben und erinnert hin und wieder an den typischen französischen Humor.

Vor Spannung manchmal eingerollt habe ich Kapitel für Kapitel unter meinen Augen dahin schnellen lassen und sehe der Veröffentlichung von „Im Sturm der Echos“ am 18. Mai 2020 mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen, denn während ich es kaum erwarten kann, das Buch in Händen zu halten, es zu lesen und die Reihe komplett ins Regal zu stellen, ist ein Teil von mir auch traurig, dass es „nur“ vier Bände geben wird. Dabei weiß ich, dass ich darum froh sein sollte. Lieber „nur“ vier als eine unnötig lang gestreckte Geschichte.

Doch da kommen wir gleich zu einem Kritikpunkt. Lang gezogen? Das hätte dem Buch, allen drei Büchern, manchmal wirklich gut getan. Ophelia hat den Hang dazu, von einer Katastrophe zur nächsten zu stolpern, und die Autorin versucht dies durch „den anderen“ zu erklären und es mit Humor zu nehmen. Eine Sache, über die ich hinweg sehen kann, wenn es auch ein bisschen bitter beim Lesen ist. Ein Kritikpunkt, den sich „Die Verlobten des Winters“ ebenso schon anhören musste wie „Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast“. Es ist nur mäßig spannend, Ophelia in Gefahr zu sehen, wenn dies quasi alle fünfzig Seiten der Fall ist und die Sache meistens am Anfang des nächsten Kapitels, also rund eine Seite später, bereits wieder aufgeklärt wird.

Und der Punkt mit dem „in die Länge gezogen“? Nun, viele dieser Szenen sind zu kurz gehalten. Die Autorin wirkt dadurch unruhig und das Buch überschüttet einen teils mit Geschehnissen. Ich hatte nach dem zweiten Teil die große Hoffnung, dass Christelle Dabos diese Fehler allmählich erkennen und ausmerzen würde, da der zweite Band doch ein wenig ruhiger gehalten war, wenn auch nicht viel. Doch Band drei schlägt noch einmal richtig zu.

Angemerkt habe ich bei den ersten beiden Teilen auch die Tatsache, dass Thorn so unwichtig erscheint. Wobei nicht wirklich unwichtig in dem Sinne, aber nicht förderlich für die Geschichte. Ein Charakter im Auge des Sturms, den der Leser kaum zu Gesicht bekommt. Geschweige denn, dass Ophelia viel mit ihm zu tun hätte. Passend finde ich, dass er sich verliebt, merkwürdig dagegen, dass sie auf einmal so in ihn vernarrt ist und „ihn braucht“.
Im dritten Band ist er gezwungener Maßen nicht da. Und das ist in Ordnung. Bis Ophelia ihn wieder sieht und er sich dennoch von ihr distanziert. Vielleicht hat die Autorin keinen Draht zu Thorn aufgebaut.

Dafür gab es ein anderes Manko. In der letzten Hälfte des Buches ändert sich der Schreibstil minimal. Ein Leser wird es eventuell nicht einmal groß bemerken, jemand wie ich, der seit über zwölf Jahren selber schreibt, dagegen ist die Vermehrung von Formulierungen wie „Sein Gesicht war vollkommen glatt, als er dies sagte“ direkt negativ aufgefallen. Es nimmt den Fluss aus der Erzählung.
Und auch, dass Ophelia immer wieder mit sich hadert und dann „an sich wächst“, nur um drei Seiten später wieder genau wie sonst auch zu sein, ist ein wenig der verzweifelte Versuch der Autorin, die Figur zu etwas zu bringen, das diese gar nicht sein will.

Mein Fazit

Doch nun habe ich mich genug beschwert. So wirkt es, als hätte das Buch mir keinen Spaß gemacht. Hat es aber. Ich liebe Ophelia, ich liebe Thorn, ich liebe diese abgedrehte Literaturwelt sehr. Christelle Dabos hat eine wirklich schöne Geschichte in einer wirklich schönen Welt erschaffen und schafft es, trotz der Fehler, viel Spannung hineinzubringen. Ich verschlinge die Seiten, leide mit der Protagonistin, will wissen, wie es weiter geht. Der Schreibstil ist die meiste Zeit wirklich schön und gliedert sich zu diesem beinahe Märchen der heutigen Zeit ein.
Auch der dritte Band bekommt damit eine absolute Leseempfehlung von mir. Trotz der Bemängelungen oben. Ich kann nur hoffen, dass die Autorin danach weitere Bücher schreiben und an sich selbst lernen wird, doch ich setze großes Vertrauen in ihr Können.

Geschrieben von Judith

Linksektion

Verlagsseite des Buches
„Die Spiegelreisende 03 – Das Gedächtnis von Babel“ bei Thalia*

Hier findest Du die Rezension zum ersten Teil der Spiegelreisenden-Reihe: Die Verlobten des Winters
Und hier gibt es die Rezension zum zweiten Teil: Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast
Auch Teil 4 „Im Sturm der Echos“ findet ihr natürlich bei uns.

3 Kommentare zu „Rezension: Die Spiegelreisende 03 – Das Gedächtnis von Babel (Christelle Dabos)“

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