Rezension: Junktown (Matthias Oden)

Matthias Oden - Junktown
(Copyright Cover: Heyne Verlag / Foto Copyright: Das Bambusblatt)

„Junktown“ des deutschen Autors Matthias Oden, erschienen am 09. Mai 2017 im Heyne Verlag, ist ein Sci-Fi angehauchtes Werk über eine Zukunft, in der Menschen nicht nur offen mit Drogenkonsum umgehen, sondern vom Staat sogar dazu gezwungen werden.
In dieser neuen Welt muss der Ermittler Solomon Cain einen schwierigen Mordfall an einer Brutmutter, einer Maschine, die Föten austrägt, aufdecken. Bei diesem Fall scheint allerdings mehr auf dem Spiel zu stehen, als am Anfang ersichtlich ist.

Solomon Cain ist ein mehr als frustrierter Ermittler in einer Welt, die er einst mit aufgebaut hat. Drogenkonsum ist nicht mehr untersagt, sondern vom Staat gewünscht. Überhaupt ist Konsum genau das, was ein gesetzestreuer Bürger beachten sollte, gleich welcher Art.
Konsum ist die oberste Pflicht in diesem Regime und es wird auch regelmäßig kontrolliert, ob die Bürger sich an diese Regeln halten. Immerhin hatten die Rebellen damals dafür gekämpft, dass Menschen nicht mehr verfolgt werden, weil sie ihrem eigenen Willen folgen. Aber wie immer schlug der gute Wille ins genaue Gegenteil um.
Dieses Leben hat allerdings auch starke Auswirkungen auf den normalen Alltag. Maschinen übernehmen einen großen Teil der menschlichen Arbeit. Die Bürger sind unfruchtbar und so genannte Brutmütter, Maschinen mit Bewusstsein, die Föten „ausbrüten“, müssen die vom Staat erlassene Wiederaufstockung der Bevölkerung übernehmen.
Die Geschichte beginnt mit dem Mord einer solchen Brutmutter und ihrer Föten, den Solomon Cain aufklären muss.
Zunächst wirkt alles wie eine normale Tat aus Eifersucht heraus, denn die Brutmütter besitzen nicht nur ein eigenes Bewusstsein, sondern können auch Partnerschaften mit Menschen eingehen. Aber Cain spürt schon von Anfang an, dass wesentlich mehr an diesem Fall liegt, als es auf den ersten Blick zu geben scheint.
Er setzt alle Hebel in Bewegung, um den Mord aufzuklären, und befindet sich schon kurz darauf in einer Verstrickung von Umständen, die nicht nur sein Leben bedrohen. Und aus der er sich schnellstens lösen muss.
Nur, mit jedem Hinweis, den er findet, scheint der Fall nur noch komplizierter und rätselhafter zu werden.
Erst zu spät erkennt er, dass er mit seiner Neugierde und seinem Stolz nicht nur sich in Gefahr gebracht hat.


Matthias Oden studierte Geschichte, Politik und Ethnologie, arbeitete als Redakteur und übernahm schlussendlich die Redaktionsleitung des Lifestyle Magazins „Business Punk“, ehe er als stellvertretender Chefredakteur bei „Werben & Verkaufen“ tätig wurde, einer Werbe- und Kommunikationsfachzeitschrift.
Zudem wurde er mit dem Hans-Strothoff und dem Deutschen Journalistenpreis ausgezeichnet.
Dies merkt man dem Schreibstil und der Art der Geschichte auch gut an. Matthias Oden verwendet nicht nur die läufigen Begriffe, sondern hat einen etwas höheren Schreibstil angewandt, ihn allerdings so gut umgesetzt, dass er weder übertrieben noch unverständlich wirkt und sich gut ins Geschehen eingliedert.
Dabei benutzt er den personalen Erzähler und verweilt die ganze Zeit beim Protagonisten Solomon Cain.
Ein Ermittler, der seine besten Tage bereits hinter sich hat. So ist sein Verstand zwar noch scharf und seine Neugierde regelrecht die einer todgeweihten Katze, doch Cain spürt sein Alter deutlich und er spürt auch, dass die Welt, für die er einst gekämpft hat, nicht das ist, was er von ihr gewollt hat.
Er ist verbittert, steigert sich in seine Arbeit und bleibt beim Drogenminimum, solange es ihm möglich ist.
Die Geschichte an sich ist vor allem am Anfang ein wenig kompliziert gehalten, da der Autor viele Begriffe einbrachte, die für die Charaktere zur normalen Welt gehörten, für den Leser aber trotz Glossar im hinteren Teil des Buches unverständlich oder verwirrend sind.
Während man noch versucht, in eine Welt zu steigen, in der Drogenkonsum den Bürgern aufgezwungen wird, wird man direkt mit Nummerierungen und Begriffen wie „Brutmutter“ beworfen, versucht sich vorzustellen, wie groß diese sind und muss dann auch gleich schon verdauen, dass es Menschen gibt, die mit diesen bewusst denkenden Maschinen Beziehungen haben, ohne, dass es in dieser Welt merkwürdig erscheint.
Nach einigen Seiten ist man dann allerdings so weit in der Welt drin, dass man anfängt, Dinge mit anderen Augen wahrzunehmen und sich nicht mehr über alles zu wundern. Einzig, dass die vorkommenden Zuchtlinien, die oftmals extra für eine Aufgabe modelliert worden sind, auch wirklich Menschen mit Gefühlen und einem Leben sind, wurde zumindest mir erst sehr spät mit einem weiteren Charakter bewusst, der sich einen sogenannten „Hirnschlitz“ selbst hat implementieren lassen.
Dass es so wirkt, als seien all diese Menschen nicht mehr als gezüchtete und seelenlose Wesen, mag an Solomons Arroganz wirken – nicht, dass er sie so darstellt, aber er hat keinen Bezug zu diesen Menschen – hat mich allerdings auch von Anfang an davon ferngehalten, Mitleid mit der Brutmutter oder den Föten zu entwickeln.
Auch habe ich mich gefragt, wie Solomon mit all den Drogen überhaupt noch in der Lage sein kann, so gut zu ermitteln. Ich nehme an, es liegt an der Gewohnheit. Irgendwie mussten die Charaktere für den Autor noch arbeiten können. Auch wenn Matthias Oden meiner Meinung nach äußerst gut recherchiert hat.
Allgemein hat er eine sehr in sich stimmige Welt erschaffen. Er hat von Anfang an klare Regeln aufgestellt, die man zwar erst einmal lernen muss, an die er sich aber den ganzen Roman über selber hält.
Die Geschichte war, wenn man aufgepasst hat und gerne versucht, vorher zu erraten, was passiert ist, nicht mehr so der Schock. Sie war nicht langweilig, ganz im Gegenteil. Man konnte auch bis zum Ende mitfiebern, ob man Recht behalten hat oder nicht. Aber es war keine große Verwunderung. Nur einige Handlungen am Ende waren dann doch noch eine Überraschung.
Und während die Geschichte mir zugesagt hat, fand ich das Ende selber allerdings nicht so gut. Es war ein wenig zu schnell abgehandelt, als hätte der Autor zwar noch einen vernünftigen Schluss drunter setzen wollen, aber eigentlich kaum mehr Lust auf den Roman gehabt. Das merkte man schon etwas früher, einige Zeit, nachdem man die Mitte des Buches passiert hatte.
Mein erster, doch sehr positiver Eindruck, trotz der Verwirrung, wurde damit ein wenig gedämpft, als ich schlussendlich das Buch zuklappte und ausgelesen hatte.

Mein Fazit

Beachtet man die oben erwähnten Punkte, kann ich Junktown schon eine Kaufempfehlung geben, sofern man auf eine leicht aberwitzig klingende Geschichte und Welt steht und sich auch nicht daran stört, dass man bereits gute Ahnungen hat, was passiert sein kann.
Das Lesen an sich hat mir viel Freude bereitet. Der Autor hat einen sehr guten Schreibstil, bis auf eine Szene. Die Welt mag merkwürdig sein, ist allerdings in sich schlüssig und läuft nach ihren eigenen Regeln. Denkt man einmal genauer darüber nach, dann ergibt sogar sehr viel mehr Sinn, als man auf den ersten Blick denken mag.
Der Anfang ist verwirrend für den unwissenden Leser, das muss man ehrlich zugeben. Und man muss auch bedenken, dass das Glossar hinten ist. Wenn man, wie ich, sich nicht das Inhaltsverzeichnis anschaut – Überschriften haben mich schon oft gespoilert – entdeckt man es eher durch Zufall später in der Geschichte. Aber selbst damit war es doch öfters mal ein bisschen verwirrend, in die Welt hineinzukommen.
Solomon Cain mag ein wenig klischeeartig wirken, war mir mit seinen düsteren Gedanken allerdings gleich sympathisch.
Die Geschichte über habe ich mitgefiebert, hatte allerdings schon recht frühe Vermutungen, die sich am Ende gut bewahrheiteten.
Der größte Kritikpunkt an einem eigentlich mehr als soliden Roman war, dass ab einem gewissen Punkt ein wenig die Luft raus war und das Ende dann doch relativ schnell abgehandelt worden ist, statt daraus noch Spannung zu erzeugen. Auch ist das Ende mehr oder minder offen. Ob es eine Fortsetzung geben wird, weiß ich nicht. Dabei gab es im Schlussteil sogar noch Fragen und Handlungen, die zu einem erneuten Roman in diese Welt einladen könnten.
Kurz zusammengefasst: Sehr guter Schreibstil, in sich schlüssige Welt, gute Recherche. Die Geschichte hätte etwas kniffliger sein können, hat dennoch aber bis zum leider eher schwachen Schluss amüsiert und mitfiebern lassen. Fragen sind immer noch offen, die vielleicht eine Fortsetzung auf den Plan rufen werden.
Mein Tipp: Lest euch am besten erst eine Leseprobe durch, ob ihr mit dieser Welt wirklich konform gehen könnt. Wenn ja, dann sollte dem Lesespaß nichts mehr im Weg stehen.

Geschrieben von Judith

Linksektion

Verlagsseite des Buches
„Junktown“ bei Thalia*

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